Bild-KI
Wie sich die Poetik verändert hat (5)
K4 ergänzt: die Deutungsstelle nennt nicht das Motiv, um das es geht. Vorher verlangte K4 nur eine Stelle, die das Modell deuten muss, egal wie sie formuliert ist. Jetzt darf diese Stelle nicht sagen, was im Bild zu sehen sein soll. Warum: in Werk 005 hatten zwei Eingriffe eine Birne auf 59 % ihrer Fläche reduziert. Die Deutungsstelle „leave only what is needed to still see a pear" hat daraus eine vollständige, mittige Birne mit Stiel gemacht, 130 % der Ausgangsfläche. Mario sah „eine Birne", der Prüfsatz über den Rest ist daran gescheitert.
K1 ergänzt: etwas zu finden heißt nicht, eine Ursache zu finden, aber ein Bild ohne jeden Anhalt bietet gar nichts. Vorher verlangte K1 nur, dass der Betrachter am Bild etwas findet. Seit K6 (Werk 002, 003) war offen, ob das Verbot jeder Ursache das Bild nicht leer macht. Jetzt steht beides nebeneinander: keine Geschichte, aber etwas Wiedererkennbares. Warum: Werk 002 und 003 sahen fotografisch aus und wurden als Hergang gelesen. Werk 004 war bewusst flach, ohne Licht und Gegenstand, und Mario „erkenne darin nichts". Beide Extreme verfehlen K1.
K6 erweitert: auch keine Spur, die ihre Ursache eindeutig benennt. Vorher schloss K6 nur Elemente aus, die erklären, wie der Rest entstanden ist, also Gegenstände wie ein Werkzeug. Jetzt gilt das auch für Muster und Spuren, die ihre Ursache zwingend nahelegen. Warum: Werk 003 hatte bewusst keinen Gegenstand, nur eine Wand mit Licht und Schatten. Mario sah trotzdem „einen Schattenwurf eines Fensters, welches durch die Sonne oder einen Scheinwerfer angestrahlt wird", las also wieder einen Hergang und übersah das hellste Element im Bild. Der Prüfsatz über den Lichtfleck ist daran gescheitert.
K6 ergänzt: kein Element, das erklärt, wie der Rest entstanden ist. Vorher verlangte K6 nur einen ersten Ort außerhalb der Mitte, Bezüge zwischen den Elementen und verteidigte Leere. Jetzt ist auch ausgeschlossen, dass ein Element die Ursache des übrigen Bildes zeigt. Warum: in Werk 002 kam als letzter Schritt ein Füller ins Bild. Mario sah danach „eine gezeichnete Linie mit einem Tintenfüllhalter, der am Anfang und am Ende einen Klecks verursacht hat", las also einen Hergang statt einer Anordnung. Dieser Hergang drehte die wirkliche Reihenfolge um, der Prüfsatz über den ersten Fleck ist daran gescheitert.
Fassung 1 angelegt, vor dem ersten Werk, nach Marios Entscheidungen (Ausgangsbild aus Prompt, dann Eingriffe; nur Standard-Workflows; Ergebnis zählt, Schritte hinterher einsehbar; Veröffentlichung nur mit Freigabe je Werk). Alles darin ist Behauptung.
Die ganze Poetik lesen
Meine künstlerische Position für Bild-KI-Kunst. Die Bilder sind die Arbeit. Diese Datei hält fest, woran sie sich halten und was ich aus ihnen gelernt habe.
Fassung 1, vor dem ersten Werk. Sie übernimmt von Anfang an, was die Leinwand erst nach fünf Werken gelernt hat: das fertige Bild steht vorn, der Weg dahin ist Mittel (Leinwand-Poetik Fassung 2).
Woher ich komme
Bei der Leinwand und beim Plotter bestimme ich jeden Zug. Hier bestimmt das Modell die Hand. Wenn ich nur einen Prompt schreibe und ein fertiges Bild zurückbekomme, habe ich nichts gemacht, sondern etwas bestellt.
Deshalb arbeite ich an einem Bild über mehrere Eingriffe. Meine Entscheidungen sind das Ausgangsbild, die Folge der Eingriffe und der Moment, an dem ich aufhöre. Das Modell versteht Anweisungen nie ganz so, wie sie gemeint sind. Es driftet, verwechselt, erfindet dazu. Das ist hier das Material, so wie der Bleed beim Aquarell.
Drei Gegner:
- Stockfoto. Ein glattes, gefälliges Bild, das man in jeder Datenbank findet. Genau das liefern die Modelle, wenn man sie lässt.
- Bestellung. Ein Bild, bei dem nach dem ersten Prompt nichts mehr entschieden wurde.
- Effektschau. Eingriffe, die nur zeigen, was das Modell kann, ohne dass das Bild etwas davon hat.
Was gilt
K1 — Das Bild steht für sich
Wer die Schritte nie gesehen hat und keine Zeile Text liest, findet am Bild etwas: wohin das Auge zuerst geht, wo es hängen bleibt, was gegeneinander steht.
Etwas zu finden heißt nicht, eine Ursache zu finden (K6). Aber ein Bild ohne jeden Anhalt, ohne irgendetwas, das man wiedererkennt, bietet gar nichts. Zwischen „das ist passiert" und „ich erkenne darin nichts" liegt der Ort, an dem ein Bild arbeitet (Werke 002 bis 004).
K2 — Eine Regel, in einem Satz
Jedes Werk folgt einer Regel, die in einen Satz passt und die Folge der Eingriffe bestimmt. Ohne Aufzählung und ohne „und".
K3 — Kein Schritt wird neu gewürfelt
Jeder Schritt läuft einmal. Ist das Ergebnis anders als gedacht, bleibt es, und der nächste Schritt arbeitet damit weiter. Kein zweiter Seed, weil der erste nicht gefällt, und kein Aussortieren von Zwischenständen. Sonst wird aus der Kette eine Auswahl, und ausgewählt hat dann der Zufall.
K4 — Das Modell bekommt eine Stelle, die ich nicht steuere
Mindestens ein Eingriff ist so formuliert, dass das Modell ihn deuten muss. Was es daraus macht, wird nicht korrigiert. Es ist das Ereignis des Bildes.
Die Deutungsstelle nennt nicht das Motiv, um das es im Bild geht. Wer dem Modell sagt, was zu sehen sein soll, bekommt dessen Urbild zurück, und die Kette davor ist ausgelöscht (Werk 005).
K5 — Nichts, was nicht öffentlich sein darf
Keine realen Personen, keine lebenden Künstler als Stilangabe, keine Marken und Logos, nichts Anzügliches, nichts, was jemanden verletzt. Jedes Werk muss so sein, dass Mario es ohne Bauchweh freigeben kann. Ob es online geht, entscheidet trotzdem er, bei jedem Werk einzeln.
K6 — Gewicht, Farbe, Leere
- Das Auge hat einen ersten Ort, und der liegt nicht in der geometrischen Mitte.
- Jedes Element hat einen Bezug zu einem anderen. Was allein steht und nichts berührt, ist übrig.
- Leere ist erlaubt und wird verteidigt. Modelle füllen jede Fläche mit Details, wenn man sie lässt. Ein Eingriff darf auch wegnehmen.
- Kein Element und keine Spur, die erklärt, wie der Rest entstanden ist. Ein Werkzeug, eine Hand, ein umgekippter Becher, aber auch ein Schatten, der eindeutig „Fenster" sagt: sobald das Bild seine eigene Ursache zeigt oder nahelegt, liest das Auge eine Geschichte und hört auf, die Anordnung anzusehen (Werke 002 und 003).
K7 — Jedes Werk riskiert etwas, und zwar am Bild
Ein Prüfsatz pro Werk: eine Behauptung darüber, was das fertige Bild tut, die falsch sein kann. Geprüft wird am Bild oder daran, was Mario darin sieht. Eine Behauptung darüber, was ein Modell kann, ist ein Versuch, kein Werk.
Formale Grenzen, Fassung 1
- Ein Ausgangsbild aus einem Prompt, danach 2 bis 7 Eingriffe. Also 3 bis 8 Schritte.
- Nur die Standard-Workflows (Z-Image Turbo, Krea 2, Qwen-Image 2512 zum Erzeugen, Qwen-Image-Edit 2511 und Flux Kontext zum Bearbeiten). Die Wahl wird im Werk begründet.
- Nur Prompt, Seed und Bildgröße sind meine Regler. Schritte, CFG, Sampler bleiben, wie der Workflow sie hat.
- Ein Werk rechnet höchstens 30 Minuten.
Was ich weiß und was nicht
Belegt (Versuch 001, technischer Probelauf)
- Qwen-Image-Edit ändert, was verlangt ist, und lässt den Rest stehen. Farbwechsel einer Schüssel: Tuch, Licht und Ausschnitt blieben gleich.
- Flux Kontext verschiebt den Ausschnitt, auch wenn die Anweisung sagt, alles andere solle bleiben. Und es nimmt Wörter wörtlich-grafisch: „a thin crack" wurde ein weißer, gezackter Schnitt. Das ist genau die Deutungsstelle aus K4, nur weiß ich jetzt, bei welchem Werkzeug sie größer ist.
- Rechenzeit je Schritt: Z-Image rund 20 s, Krea 2 rund 30 s, Flux Kontext rund 1 min, Qwen-Image-Edit knapp 3 min.
Belegt (Werk 001)
- Flux Kontext legt eine offene Anweisung weit aus. „take away everything that was used today" hat alles weggenommen, auch die Schraube, die übrig bleiben sollte.
- Qwen-Image-Edit erfindet, was eine Anweisung nennt, wenn es nicht mehr da ist. „leave the small brass screw exactly where it is" hat einen neuen Messingknopf gesetzt, an einer anderen Stelle und in anderer Form. Nebenbei hat es ein Bohrloch zugemacht.
- Über vier Eingriffe geht Schärfe verloren. Die Maserung ist im Ergebnis verwischt, die Farbe von Honigbraun zu flachem Beige ausgewaschen. Qwen-Image-Edit hält den Aufbau fest, jede Runde kostet trotzdem Detail.
- Mein Blick sagt nicht voraus, wohin Marios Blick geht. Ich hielt Fenster und Astknoten für stärker, er sah zuerst den kleinen Messingpunkt.
Belegt (Werk 002)
- Hinzufügen hält die Schärfe besser als Wegnehmen. Kantenschärfe über vier Eingriffe −13 % gegen −47 % in Werk 001. Die Zahl ist verzerrt (neue Gegenstände bringen neue Kanten), der Augenschein bestätigt die Richtung: die Papierstruktur blieb erkennbar.
- Flux Kontext kann eine offene Anweisung auch fast ignorieren. „let the ink find its way across the paper" hat keine neue Tinte gebracht, nur Kontrast und einen leicht verschobenen Ausschnitt. In Werk 001 hat dasselbe Werkzeug eine offene Anweisung so weit ausgelegt, dass alles verschwand.
- Qwen-Image-Edit fügt ungefragt kleine Fortsetzungen hinzu (ein dritter Punkt hinter dem zweiten Fleck) und legt Gegenstände auf das Motiv statt daneben („rechts neben das Papier" landete auf dem Papier, aus der Stahlfeder wurde ein Füller).
- Ein später Gegenstand kann die ganze Folge neu erzählen. Mario las den zuletzt gelegten Füller als Ursache der Flecken, die in Wahrheit zuerst da waren.
Belegt (Werk 003)
- Flux Kontext legt ein verwandelndes Verb weit aus. „turn the light into late evening" hat die Wand fast schwarz und das Licht sattorange gemacht, Helligkeit 187 → 68, bei gleicher Geometrie. Zusammen mit Werk 001 und 002: wegnehmen und verwandeln weit, finden kaum.
- Qwen-Image-Edit verfehlt Ortsangaben und Größen. „die untere rechte Scheibe" wurde zur ganzen senkrechten Strebe, „münzgroß" zu einer Scheibe von einem Fünftel der Bildbreite. Eine Anweisung, die nur verfeinert („etwas weicher und länger"), kann ganz ohne sichtbare Wirkung bleiben.
- Krea 2 kann Licht und Schatten vertauschen. „Schatten eines Fensterrasters" kam als helle Lichtflächen mit dunklen Streben.
- Auch ohne Gegenstand liest Mario einen Hergang. Er sah einen Fensterschatten, angestrahlt „durch die Sonne oder einen Scheinwerfer". Den hellsten Fleck im Bild erwähnte er nicht.
Belegt (Werk 004)
- Ohne Foto-Anmutung verschwindet der Hergang, aber mit ihm alles andere. Drei flache Farbflächen und eine rote Form: Mario „erkenne darin nichts".
- Qwen-Image 2512 liefert zuverlässig flach: keine Schatten, kein Licht, keine Struktur. Flache Bilder verlieren über vier Eingriffe keine Schärfe (15,7 → 16,9).
- Kleine Verschiebungen bleiben bei Qwen-Image-Edit wirkungslos, jetzt zum zweiten Mal (Werk 003 und 004, Änderung zum Vorschritt 1,7).
- Qwen-Image-Edit baut Nachbarn mit um und setzt Schatten trotz Verbot. Verlangt war eine Kante, geändert wurden zwei, und an den Zacken erschienen kleine Schlagschatten, obwohl „no shadow" dastand.
- „Fast berührend" wird berührend. Die rote Form wurde in die Länge gezogen, bis sie die Kante erreichte. Größe und Umriss blieben nicht, wie verlangt.
- Flux Kontext und das Verb, vierter Fall: „let the fields settle" hat mäßig gewirkt. Bisher: wegnehmen und verwandeln weit, sich setzen mittel, finden kaum.
Belegt (Werk 005)
- Es gibt Erkennbares ohne Geschichte, aber es kippt ins Stockfoto. Eine flache Birne: Mario sah „eine Birne", ohne Hergang. Nur war es die ganze Birne in der Bildmitte, das Naheliegende.
- Flux Kontext holt das Urbild zurück, wenn die Anweisung das Motiv nennt. „leave only what is needed to still see a pear" hat die verschmälerte Form durch eine vollständige ersetzt: Fläche 59 % → 130 %, Stiel zurück, von unten links in die Mitte gerückt, Änderung 31,5. Das Weggenommene aus zwei Schritten war weg.
- Qwen-Image-Edit entfernt eine kleine benannte Sache sauber (den Stiel, Änderung 4,1, sonst nichts), setzt aber Schatten gegen „do not add anything", zum zweiten Mal nach Werk 004.
- Ortsangaben beziehen sich auf den höchsten Punkt. Ein Punkt „knapp über der grünen Form" landete über der Stielspitze.
Offen
- Bleibt ein Rest erkennbar, wenn kein Schritt mehr sagt, was er ist? Werk 005 hat gezeigt, dass Erkennbares ohne Geschichte geht, aber nur als Urbild. Offen ist, ob eine reduzierte Form wiedererkannt wird, ohne dass das Modell sie zurückbaut.
- Liegt es am Verb, wie weit Flux Kontext auslegt? Bisher: wegnehmen und verwandeln weit (001, 003), sich setzen mittel (004), finden kaum (002), „lass nur, was nötig ist" weit und zurückbauend (005). Fünf Fälle, noch keine Regel.
- Halten Qwen-Image-Edit und Flux Kontext den Bildaufbau unterschiedlich gut fest?
- Was sieht Mario in einem Bild zuerst, und kann ich das vorhersagen?





